Re: Gnadenlehre (16.05.2006 by 84.170.249.251)

Gesendet von Christof Müller, ZAF


Sehr geehrter Herr Astl,
danke für Ihre interessante Frage- und Problemstellung bezüglich der augustinischen und der kirchlichen Gnadenlehre.
In der Glaubens-, Dogmen- und Kirchengeschichte scheint es immer wieder Strömungen und Phasen zu geben, innerhalb derer der Gnadenbegriff radikaler oder aber weniger radikal vertreten wird; zu den bekanntesten Protagonisten eines emphatischen Gnadenbegriffs zählen z.B. Paulus, Augustinus und Luther. Gegenströmungen gegen solche prononcierten Positionen formieren sich wohl aus verschiedenen Gründen heraus, z.B. im Namen der menschlichen Freiheit, als Korrektiv gegenüber der Gefahr einer fatalistisch verstandenen Prädestinationslehre oder im Rahmen einer stark moralisch ausgerichteten Frömmigkeit und stark ethisch angelegten Theologie. Ein wichtiges großkirchliches Motiv für das Zurückdrängen einer radikalen Gnadenlehre dürfte darüber hinaus wohl im amtskirchlichen (Macht-)Interesse bestehen, die Vermittlung von Heil und Gnade an kirchliche Funktionsträger, Institutionen und Reglements rückzubinden.
Tiefergehende Analysen sowie historisch detailliertere und fundiertere Antworten auf Ihre Frage werden Sie in systematischen und/oder dogmengeschichtlichen Darstellungen der Gnadenlehre finden; als Erstinformation und zum Auffinden weiterführender Literatur ist sicherlich zunächst ein Blick in den jeweiligen Artikel "Gnade" in den großen theologischen Nachschlagewerken lohnend, für den katholischen Bereich vor allem im Lexikon für Theologie und Kirche, für den evangelischen Bereich z.B. in der Enzyklopädie "Religion in Geschichte und Gegenwart".

Viel Erfolg und freundl. Gruß, Ihr
Dr.Dr.habil. Christof Müller, Würzburg


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