
Re: genitum non factum (10.07.2006 by 84.170.223.64)
Gesendet von Christof Müller
Lieber Herr Dr. Kleber,
freundlichen Dank für die Präzisierung Ihrer Frage nach der augustinischen und systematischen Unterscheidung von "generatio" und "creatio". Meine vorausgegangene Antwortskizze auf Ihre ursprüngliche Fragestellung versuchte in erster Linie von Augustins Horizont und Hermeneutik her Klärendes und das Verstehen Erleichterndes vorzutragen. Dies ist weder unlogisch noch auch pleonastisch, bleibt aber zugegebenermaßen einer gewissen Augustinus-Immanenz verhaftet, die zu pflegen zu den selbstverständlichen, genuinen und erklärten Aufgaben eines "Zentrums für Augustinus-Forschung" gehört, an das Sie sich über dieses Forum ja wenden.
Wenn Ihnen die Sprach-, Denk- und Motivmuster der (christlichen) Spätantike indes eher fremd sind oder für Ihren eigenen naturwissenschaftlich geprägten Verstehenshorizont unbefriedigend erscheinen, so kann ich allenfalls versuchen, die biblische und schöpfungstheologische Unterscheidung von "Zeugen" und "Schaffen" noch einmal ein wenig abstrakter oder "logischer" - besser: "philosophischer" - zu beschreiben. Ich will mich dabei nur auf Kurzes und Weniges beschränken, da das Stiften eines umfassenden Dialogs zwischen spätantik-theologischem Denken und Sprechen einerseits und eher naturwissenschaftlich geprägtem Denken und Sprechen eines gegenwärtigen Zeitgenossen andererseits Aufgabe der Fundamentaltheologie und der Systematischen Theologie wäre und zumindest in den Einzelheiten und zumal an dieser Stelle nicht vom ZAF geleistet werden kann.
Mein erneuter Versuch einer Verstehenshilfe geht dahin, daß ich die biblisch-christliche Metapher des "Zeugens" der Kategorie "Ewigkeit" und der Kategorie des "Eigenen" zuordne, die biblisch-christliche Metapher des "Erschaffens" hingegen der Kategorie "Zeit" und der Kategorie des "Anderen". Das "Zeugen", also "Hervorbringen" des "Sohnes" durch den "Vater" wäre demnach eine Metapher dafür, daß der eine und ewige Gott sich in und trotz seiner Einheit und Ewigkeit in sich selbst relational unterscheidet, wobei das göttliche "Ich" (Vater) das göttliche "Du" (Sohn) als das Andere seiner Selbst schon immer und ewig aus sich heraus entläßt (durchaus kein logischer Widerspruch) bzw. umgekehrt das göttliche "Du" als dem göttlichen "Ich" immer schon Entsprungenes sich immer und ewig auf diesen göttlichen Ursprung bezieht, mit dem es bezüglich Göttlichkeit und Ewigkeit restlos identisch ist, von dem es sich aber hinsichtlich der göttlichen "Person" (wie die theologische Metaphorik hier lautet - und ohne Metaphorik kommen in solchen abstrakten Bereichen weder Theologie noch auch Philosophie aus) unterscheidet: Identität also - um mit dem Deutschen Idealismus zu sprechen - gedacht als Identität von Identität und Nicht-Identität.
Bringt Gott indes nicht das Eigene seiner Göttlichkeit, sondern das "Andere" im Sinne von "Nicht-Gott", also die "Schöpfung", hervor, kommen Zeit und Zeitlichkeit ins Spiel. Zwar müßte man Gottes Schöpfungspläne als ewig bezeichnen, insofern sie ja des ewigen Gottes Pläne sind, doch indem sie zugleich das "Andere" zu Gott "planen", ist das Geplante und Geschaffene seinerseits nicht ewig, sondern zeitverhaftet, nicht unendlich, sondern endlich. Um diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, sprachen und sprechen die Theologen sowie metaphysisch verpflichtete Philosophen von der "Schöpfung aus dem Nichts" im Sinne eines Hervorbringens nicht aus Gottes eigener Substanz, sondern Hervorbringen des im Verhältnis zum ewigen Gott "Anderen", das als solches entsprechend Anfang, Veränderung und Ende in der Zeit aufweist.
Lieber Herr Dr. Kleber, viel mehr Erhellendes kann ich Ihnen in diesem beschränkten Rahmen nicht als Antwort anbieten; wenn das Gesagte bisweilen arg abstrakt klingt, so ist das wohl hauptsächlich der Komplexität der Materie geschuldet und kaum zu vermeiden. Auch Augustinus selbst wußte übrigens um die Abstraktheit solcher Fragestellungen und hat z.B. in De trinitate versucht, diese und ähnliche theologische Lehren mit Hilfe der Geistphilosophie verständlich zu machen: Gottes Trinität in Analogie zu phänomenologisch aufweisbaren Dreiheiten (Ternaren) im Sein, Bewußtsein und Geist des Menschen.
Erneut freundliche Grüße vom ZAF Würzburg,
Ihr Dr.Dr.habil. Christof Müller